Von Stephanie Brinkmann | Psychologische Beraterin & Mindset-Expertin
Du kennst dieses Gefühl. Du musst es nicht beschreiben können – Du spürst es einfach.
Noch bevor Du morgens den ersten klaren Gedanken gedacht hast, ist es schon da. Im Bauch. Im Hals. Vielleicht in der Brust. Oder dieser Moment in einem Gespräch, wenn jemand etwas sagt – und sich in Dir etwas zusammenzieht. Ganz unwillkürlich. Als würde Dein Körper reagieren, bevor Dein Kopf überhaupt mitbekommt, was gerade passiert.
Das ist kein Einbilden. Das ist keine Schwäche.
Das ist die Sprache Deines Körpers.
Was steckt wirklich dahinter?
Der Knoten im Bauch – den kennen wir aus vielen Situationen. Vor einem schwierigen Gespräch. In einer Beziehung, die sich nicht mehr richtig anfühlt. Wenn wir etwas wissen, aber noch nicht aussprechen wollen. Wenn Angst da ist, die wir noch nicht benennen können.
Der Knoten im Bauch ist der Körper, der sagt: Hier ist etwas, das Deine Aufmerksamkeit braucht. Hier ist etwas Ungesagtes, das Platz möchte.
Der Kloß im Hals – der kommt oft, wenn Trauer da ist. Wenn Worte einfach nicht reichen. Wenn man sprechen möchte – und nichts kommt. Oder wenn man anfängt zu sprechen und die Stimme plötzlich wegbricht, ohne dass man es wollte.
Tränen, die wir gelernt haben zu schlucken – buchstäblich. Gefühle, die keinen Weg nach draußen finden durften, weil wir irgendwann entschieden haben: Das zeige ich nicht.
Ich kenne beide Gefühle sehr gut. Aus meiner eigenen Biografie. Und aus der Arbeit mit Menschen, die zu mir kommen.
Warum bleiben Gefühle stecken?
Weil wir es so gelernt haben. Nicht bewusst – sondern über Jahre. In der Familie, in der Schule, in der Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind.
Nicht weinen. Nicht schwach sein. Nicht zeigen, dass etwas wehtut. Stark sein. Weitermachen. Funktionieren.
Und irgendwann schleicht sich diese Überzeugung ein: Wenn ich nicht hinschaue, ist es vielleicht nicht da. Wenn ich weitermache, wird es schon irgendwie weggehen.
Aber Gefühle funktionieren nicht so. Sie sind keine Briefe, die wir unerledigt in eine Schublade legen können. Sie sind eher wie Wasser – das sich seinen Weg sucht. Wenn wir den direkten Weg blockieren, sucht es sich einen anderen. Und der sieht dann oft so aus:
- Anspannung im Körper
- Gereiztheit, die uns selbst überrascht
- Schlafstörungen um drei Uhr morgens
- Erschöpfung, obwohl wir eigentlich genug schlafen
- Oder eben: Knoten im Bauch und Kloß im Hals – die einfach nicht weggehen wollen
Hier ist ein Unterschied, der mir sehr wichtig ist: Ein Gefühl zu spüren ist nicht dasselbe wie es zu zeigen. Du musst nicht vor allen weinen. Du musst nicht alles aussprechen. Aber Du darfst – und ich würde sagen, Du solltest – Dir selbst gegenüber ehrlich sein. Anerkennen, was da ist. Ohne es sofort zu erklären, zu bewerten oder wegzumachen.
Denn was zu lange keinen Raum bekommt, sucht sich seinen eigenen. Und der Körper – unser ehrlichster Verbündeter – bekommt irgendwann die Rechnung.
Eine andere Perspektive: Wegweiser statt Störung
Was wäre, wenn der Knoten im Bauch und der Kloß im Hals keine Störungen wären, die wir loswerden müssen – sondern Wegweiser, denen wir folgen dürfen?
Was wäre, wenn Dein Körper nicht gegen Dich arbeitet, sondern für Dich?
Der Knoten im Bauch fragt Dich: Welches Gespräch wartet noch auf Dich? Was trägst Du gerade mit Dir, das noch keinen Platz hat? Welche Entscheidung weißt Du vielleicht schon längst – wagst Dich aber noch nicht zu treffen?
Der Kloß im Hals fragt Dich: Welche Trauer wartet noch? Was hast Du vielleicht noch gar nicht wirklich betrauert – auch wenn es schon lange her ist? Welche Tränen haben noch keinen Raum bekommen?
Wenn wir lernen, diese Sprache zu lesen – neugierig statt ängstlich, offen statt kämpfend – dann wird aus dem Knoten eine Einladung. Und aus dem Kloß ein Hinweis auf etwas, das noch Aufmerksamkeit braucht.
Probier das jetzt gerade: Leg eine Hand auf Deinen Bauch. Spür die Wärme. Atme tief ein – in den Bauch hinein – und beim Ausatmen fragst Du Dich ganz leise: Was ist gerade wirklich da? Nicht was sein sollte. Nicht was Du fühlen müsstest. Einfach: Was ist da? Keine Antwort erzwingen. Einfach fragen. Und hören, was kommt.
Das ist der Anfang.
Was wirklich hilft – fünf konkrete Schritte
Keine großen Versprechen. Keine komplizierten Methoden. Sondern echte kleine Schritte, die Du sofort umsetzen kannst.
1. Hinschauen Gib Dir selbst fünf Minuten – heute noch, wenn Du magst – und frag Dich: Wie geht es mir wirklich? Nicht wie ich sein sollte. Wie es mir wirklich geht. Und dann bei der Antwort bleiben. Auch wenn sie unbequem ist.
2. Dem Körper Ventile geben Gefühle sind Energie – und Energie will sich bewegen. Ein Spaziergang in der Natur, Tanzen in der Küche, im Garten arbeiten. Ich gehe selbst sehr gerne in meinen Garten, wenn es mir nicht gut geht. Etwas pflanzen, Erde in den Händen spüren, einfach tun – das hilft mir, wieder zu landen.
3. Schreiben Hol Dir ein Heft und einen Stift. Schreib – nicht für andere, nur für Dich. Was beschäftigt Dich? Was willst Du sagen, aber traust Dich nicht? Papier urteilt nicht. Papier fragt nicht nach. Es hört einfach zu.
4. Sprechen Mit jemandem, dem Du wirklich vertraust. Und sag dieser Person vorher, was Du brauchst: Nicht Ratschläge. Nicht Lösungen. Einfach nur: Ich möchte gehört werden. Gehört werden – ohne dass jemand sofort alles reparieren will – ist manchmal das Heilsamste überhaupt.
5. Weinen erlauben So viele Menschen halten sich die Tränen zurück – aus Angst, schwach zu wirken. Aber Tränen sind keine Schwäche. Sie sind Reinigung. Der Körper entlastet sich damit. Lass sie zu.
Wenn Gefühle uns überrollen
Es gibt einen wichtigen Unterschied: ein Gefühl erleben – und in einem Gefühl versinken.
Ein Gefühl erleben bedeutet: Ich nehme wahr, was da ist. Ich lasse es da sein. Ich schaue hin. Das ist gesund.
In einem Gefühl versinken bedeutet: Das Gefühl übernimmt das Steuer. Ich kann nicht mehr klar denken. Der Strudel zieht mich tiefer.
Wenn das passiert, brauchen wir Anker:
- Stell beide Füße fest auf den Boden. Wirklich spüren. Das erdet sofort.
- Schau Dich um und benenne drei Dinge, die Du gerade siehst. Das holt Dich raus aus dem Gedankenkarussell.
- Atme. Tief in den Bauch. Ein. Und langsam aus. Das reguliert das Nervensystem – das ist keine Einbildung, das ist Physiologie.
Und das Wichtigste, das ich Dir mitgeben möchte: Du bist nicht Dein Gefühl. Du hast ein Gefühl. Der Knoten im Bauch ist nicht Du. Der Kloß im Hals ist nicht Du. Du bist größer als das, was Du gerade fühlst.
Der Mut, sich Hilfe zu holen
Wir sind so trainiert, alleine klarzukommen. Selbst wenn der Knoten im Bauch schon Monate da ist. Selbst wenn wir nachts nicht mehr schlafen können.
Wir denken: Ich schaffe das alleine. Andere haben doch auch Probleme. Ich will niemandem zur Last fallen.
Aber was ich in meiner Arbeit immer wieder erlebe: Die Menschen, die sich Hilfe holen, sind nicht die Schwachen. Sie sind die Mutigen.
Es braucht Mut, sich selbst ernst zu nehmen. Es braucht Mut zu sagen: Ich komme alleine gerade nicht weiter – und das ist okay.
Professionelle Begleitung kann sinnvoll sein, wenn die Gefühle den Alltag dauerhaft beeinträchtigen, wenn Du das Gefühl hast, im Kreis zu drehen ohne Ausweg – oder wenn der Knoten und der Kloß zum Dauerzustand werden.
Meine Arbeit bedeutet nicht, Menschen zu reparieren. Denn es gibt nichts zu reparieren. Du bist nicht kaputt. Du bist ein Mensch, der gerade eine schwere Phase durchlebt – und der Unterstützung verdient.
Eine Affirmation für Dich
Lies diese Sätze – innerlich oder laut. Es gibt keine falsche Art, das zu tun:
„Ich darf fühlen, was ich fühle. Meine Gefühle sind meine Wegweiser. Ich bin stark genug hinzuschauen.“
Trag diesen Satz mit Dir. Heute. Und morgen. Und immer dann, wenn der Knoten kommt und der Kloß sich meldet.
Du weißt jetzt: Das ist kein Feind. Das ist ein Teil von Dir, der gehört werden möchte.
Du möchtest nicht mehr alleine mit dem sein, was Du trägst? Dann schreib mir unter sos@einklang-hameln.de – ich freue mich auf Dich.
Stephanie Brinkmann ist psychologische Beraterin und Mindset-Expertin aus Hameln. In ihrer Sendung „Von Herzen neu“ auf Radio Aktiv Hameln begleitet sie Menschen durch Umbrüche und Neuanfänge – jeden Mittwoch von 19–20 Uhr


